Wie schreibt man einen historischen Roman?

Seit vielen Jahren gehören historische Romane zu den beliebtesten Lesegenres. Histo-rische Romane zu verfassen, ist anspruchsvoll: Neben erzählerischem Geschick wollen die historischen Details gut recherchiert und unterhaltsam präsentiert werden. Die Spannung darf selbstverständlich auch nicht zu kurz kommen. Dabei gibt es viele ver-schiedene Formen von historischen Romanen – historische Liebesgeschichten, histori-sche Krimis und Familiensagas. Der berühmteste historische Krimi ist vermutlich Um-berto Eccos „Der Name der Rose“, der alles in sich vereint, was man für einen guten, historischen Roman braucht.

Eine Reise in die Vergangenheit

Leser lieben historische Romane, weil sie mit ihnen in die Vergangenheit reisen können. Damit das gelingt, braucht es ein viel Geschick auf Seiten des Autors und er muss, um auch wirklich das Flair vergangener Jahrhunderte heraufzubeschwören, eine große Detailkenntnis. Welche Alltagsgegenstände benutzten Personen damals? Wie waren die politischen Hintergründe? Welchen wissenschaftlichen Stand kannte man? Was las man, worüber unterhielt man sich? Die Leser möchten ganz und gar in eine längst ver-gangene Epoche eintauchen und mit den Figuren leiden und hoffen.

Gute Recherche ist alles

Ein Roman gilt dann als historisch, wenn er zu einer Zeit spielt, von der heute niemand mehr aus erster Hand berichten kann – wir beim Schreiben also auf historische Quellen angewiesen sind. Als Grenze gilt da etwa die vorletzte Jahrhundertwende (1899/1900), auch wenn vermehrt die beliebten Krimis aus den 30er Jahren eben auch als histori-sche Krimis gelten.
Auch wenn historische Romane natürlich immer eine gute Portion Fiktion enthalten, es ist mehr als ratsam, bei der Recherche sehr gründlich vorzugehen, auch wenn diese sehr umfangreich ausfallen kann. Unsauber recherchierte Hintergründe verzeihen Le-ser, die sich häufig sehr gut auskennen, nicht. Vielleicht haben Sie als Autor sogar das Glück, einen in der Epoche bewanderten Historiker für sich gewinnen zu können, der Sie bei der Recherche unterstützt und Ihnen die wichtigsten Zusammenhänge erklärt. Geschichte ist nicht umsonst eine Wissenschaft und was es in ihr zu wissen gilt, lässt sich oft nicht mit ein paar Wikipedia-Artikel herausfinden.

Folgende Fragen/Eckpunkte sollten Sie bei Ihrer Recherche beachten:

1. In welcher Zeit und an welchem Ort spielt der Roman? Gibt es dazu viele Informatio-nen oder sind Sie an vielen Stellen auf Ihre Fantasie angewiesen? Beides kann seine Vorteile haben, auch wenn ersteres die sichere Variante ist.

2. Recherchieren Sie aus erster Hand – werden Sie zum Hobbyhistoriker. Häufig finden wir zu bestimmten Themen bereits von Historikern verfasste Bücher. Diese geben aber oft nur einen generellen Überblick. Wenn Sie sich konkret für die Geschichte eines Or-tes oder einer Familie interessieren, heißt es: Auf in die Archive. Hier finden Sie ge-schultes Personal, das Ihnen behilflich sein kann, zwischen staubigen Papieren herum-blättern müssen Sie trotzdem selbst. Aber keine Sorge! Das macht durchaus Spaß, ist es doch ein wenig wie Detektivarbeit.

3. Lernen Sie Ihre Zeitspanne kennen! Tatsächlich ist es mit der Recherche einiger Fakten nicht getan. Je mehr Sie über die Zeit lesen, in der Ihr Roman spielen soll, umso besser und selbstverständlicher können Sie sich in ihr bewegen.

4. Achten Sie auf die Details! Diese sind vermutlich die größte Schwierigkeit beim Ver-fassen historischer Romane. Wie kochte man, wo schlief man? Wer kleidete sich wie, wie sprach man sich an, welche Werkzeuge benutzte man? Dieser Teil der Recherche kann durchaus die meiste Zeit in Anspruch nehmen – doch Ihre Leser werden es Ihnen danken.

5. Sammeln und sortieren Sie alles, was Sie an Informationen finden – auch wenn Sie später nicht alles benutzen.

Historisches spannend erzählen

Leider gibt es sie, die historischen Romane, die vor lauter Detailgenauigkeit eigentlich mehr Sachbücher als Romane sind. Da hat es dann jemand mit der Recherche zu ge-nau genommen. Trotz aller Detailversessenheit darf das Einmaleins des Erzählens na-türlich nicht zu kurz kommen. Für Sie als AutorIn bedeutet das die Gratwanderung, dass Sie sich in der Zeit, in der Ihr Roman spielt, zwar bestens auskennen müssen, aber nicht das ganze Wissen auch in Ihren Roman packen müssen (eine seitenweise Beschreibug einer bestimmten Stadtbefestigung oder der Abläufe innerhalb eines Stadt-rats langweilt Ihre Leser ganz sicher).

Fiktive oder reale Figuren?

Oft ist es so, dass die Geschichte bereits hochspannende Figuren bereithält, die gera-dezu einladen, einen historischen Roman über sie zu schreiben. So verführerisch das auch ist – bedenken Sie, dass Sie damit in der Entwicklung Ihrer Figur und Ihres Plots nicht mehr frei sind. Es ist ratsam, historische Figuren eher als Nebenfiguren auftreten zu lassen, wenn man sich ein wenig erzählerische Freiheit behalten möchte.

Der rote Faden

Historische Romane funktionieren genauso wie andere Geschichten, sie haben einen Anfang, einen Spannungsbogen und ein Ende. Dennoch gibt es ein paar Aspekte, die zu beachten sind:

1. Der Konflikt zeigt sich bereits am Anfang

Die Einführung der Personen läuft bei den meisten historischen Romanen über einen Konflikt, der häufig schon auf den ersten Seiten oder im Prolog auftaucht (Die Hauptfi-gur muss jemanden heiraten, den sie nicht will, die Mutter der Hauptfigur wird als Hexe verbrannt, etc.). Das ist zwar keine eiserne Regel, doch grundsätzlich wird der Motor der Geschichte bei historischen Romanen durch die geschichtlichen Ereignisse vorge-geben (Pest, Hexenverfolgung, Krieg, Kreuzzug, etc.), was dem Autor tatsächlich eine Menge Arbeit abnimmt, muss er doch anhand dessen nur noch erzählen, wie der oder die Hauptfigur mit diesen Herausforderungen fertig wird.

2. Würdige Gegenspieler

Hier bieten sich reale Figuren geradezu an: der böse Hexeninquisitor, die rachsüchtige Königin, der gierige Zunftmeister – die Geschichte ist voll von Bösewichten. In histori-schen Romanen treten diese auch bereits direkt am Anfang auf. Ihre Schicksale sind untrennbar mit dem der Hauptfigur verbunden. Wichtig ist, den Antagonisten nicht zu eindimensional erscheinen zu lassen: Geben Sie ihm eine Geschichte! Warum ist er böse oder gierig? Geschah ihm etwas in der Kindheit?

3. Die Heldenreise

Auch in diesem Punkt unterscheidet sich der historische Roman nicht grundlegend von anderen Romanen: Gleich zu Anfang lernen wir zwar Konflikt und Gegenspieler kennen, aber im Laufe der Geschichte kämpft der Protagonist gegen beide. Um die Spannung zu erhöhen, muss er mindestens einmal scheitern, die Situation muss nahezu ausweglos erscheinen – bis dann die überraschende Wende eintritt, die schließlich in einem dramatischen Höhepunkt endet. Häufig umfasst die Heldenreise tatsächlich eine Reise in eine andere Stadt oder ein anderes Land, was Gelegenheit gibt, die Zeitreise des Lesers noch viel interessanter zu gestalten. Natürlich muss Ihre Hauptfigur wäh-rend Ihrer Reise eine Veränderung erfahren, reifen, mutiger werden, etc.

Wenn Sie all diese Punkte beherzigen, steht einer spannenden Zeitreise in eine andere Epoche nichts mehr entgegen. Geschichte ist so vielfältig, dass der Stoff für spannende historische Romane mit Sicherheit niemals ausgeht.

Buchtipps:

Werner Stein (1993): Der große Kulturfahrplan. Die wichtigsten Daten der Weltgeschichte

Ernst Schubert (2016): Essen und Trinken im Mittelalter

Paul Feller, Fernand Tourret (1986): Werkzeuge aus alter Zeit