Annelie Winter

Mama - Eine große Liebe

Hardcover A6, 112 Seiten
ISBN: 978-3-942157-50-6
Preis 9,90 € (inkl. MwSt)

Es ist Mitte Oktober 2010. Ich habe 10 Tage Urlaub. Mein Mann und ich fliegen nun zum ersten Mal nach Ibiza. Es klappt alles gut. Das Hotel, ein Clubhotel in der Nähe von Ibiza-Stadt, ist sehr schön. Das Zimmer ist ordentlich, die Matratzen sind bequem. Essen und Trinken, die Atmosphäre, das Personal, die Leute, alles ist in Ordnung. Auch das Wetter ist toll. 23 bis 27 Grad im Schatten. Wir sitzen morgens am Frühstückstisch, der reichlich gedeckt ist. Ich habe mir Brot, Käse und Rührei genommen, dazu Kaffee. Eine hübsche Blume auf dem Tisch verschönert das Ganze. Ich sitze dort, sehe mir den Tisch an, die Leute um mich herum, sehe meinen Mann an und fange an zu weinen. Ich fühle mich plötzlich unsagbar einsam und alleine. Darf ich hier sitzen, darf ich etwas essen, darf es mir gut gehen? Was ist geschehen?

Ich blicke zurück.


Von einem geliebten Menschen Abschied nehmen – wie viele von uns haben dies nicht bereits schon mindestens einmal durchleben müssen? Man denkt über die letzten Jahre nach, und in all die schönen Erinnerungen über die gemeinsam verbrachte Zeit mischen sich schnell auch Bedauern und Reue: all die Versäumnisse - das, was man noch zusammen unternehmen wollte, worüber man noch in Ruhe gemeinsam reden wollte, die Wünsche, die man noch einander erfüllen wollte! All das, wozu es nicht mehr kam, weil man glaubte, alle Zeit der Welt zu haben ! Und wenn es eine Krankheit war, die den lieben Menschen von uns genommen hat: war das unvermeidbar oder hätte man mehr tun können ? Wurde medizinisch wirklich alles getan, was möglich war? Oder hätte man es mit mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung besser machen können?

In „Mama – eine große Liebe“ öffnet die Autorin Annelie Winter ihre Seele und sucht nach den richtigen Antworten aus ihrer ganz persönlichen Perspektive. Mit feinfühliger Sprache beschreibt sie ohne Schnörkel ihre eigene Geschichte vom Verlust ihrer Mutter Hilde, die sie im Jahre 2010 durch einen Schlaganfall verlor. Ausgehend von ihren Kindesjahren blickt sie zurück auf die lange gemeinsam verbrachte Zeit, insbesondere die letzten sieben Jahre, in denen sie das Glück hatte, mit ihrer Mutter viel Zeit zu verbringen, weil beide am selben Ort wohnten. Man spürt in jeder Zeile, wie sehr Mutter und Tochter verbunden waren (und noch immer sind), und wie schlimm dieser Verlust gewesen ist. Die Autorin zeichnet nach, wie sich in den letzten Lebensjahren der Gesundheitszustand ihrer Mutter kontinuierlich verschlechtert. Da in der Nachbetrachtung das, was vorgeht, ja immer so viel klarer wird als die Autorin es in der Echtzeit erlebt hat, melden sich natürlich auch sofort Schuldgefühle. Die Autorin lässt uns hier tief in ihre Seele blicken und jeder sensible Mensch, der einen geliebten Menschen verloren hat, wird diese Gedanken verstehen, ja vielleicht sogar wiedererkennen. Das Besondere an diesem Buch ist es, dass es diesen schwer fassbaren Gedanken eine klare, ausdrucksvolle Sprache verliehen hat. Und man kann in ihnen den Trost finden, dass die Beziehung ja keineswegs mit dem Tod beendet ist, sondern nur auf eine andere Ebene gehoben wurde. Denn niemand, den Du liebst, ist tot!

Die Autorin schildert weiterhin – in den einfachen Worten einer Chronik - wie hilf- und gedankenlos, ja indifferent, die medizinische Routinediagnostik und -therapie sowie die Betreuungsmechanik der Alten- und Pflegeheime mit dem „Fall“ ihrer Mutter umgehen. Mit großem Einfühlungsvermögen und aufgrund ihrer Liebe gelingt es der Autorin, diese Miss-Stände direkt aus der Wahrnehmung ihrer Mutter heraus in überzeugender Weise zu beschreiben. Wenngleich (oder vielleicht auch gerade weil) es nicht das Hauptziel des Buches ist, Miss-Stände in unserem Gesundheits- und Altenbetreuungssystem anzuprangern, so ist die bloße Schilderung der Fakten, so wie sie erlebt und von den Betroffenen empfunden wurden, besonders eindrucksvoll und eben auch sehr traurig. Dass es der Tochter gelungen ist, durch Hinterfragen ärztlicher Diagnosen und Maßnahmen sowie durch beherztes Eingreifen in seelenlose Betreuungsmechanismen ihrer Mutter ein längeres und vor allem besseres Leben unter den gegebenen Umständen zu ermöglichen, steht außer Frage. In diesem Sinne wird das Buch vielen betroffenen Menschen Ermutigung sein, sich eben nicht unbedingt mit allem abzufinden, was von als autoritativ wahrgenommener Seite als „unvermeidlich“, „unabwendbar“ oder „alternativlos“ dargestellt wird.

Dieses mit dem Herzen geschriebene und sehr liebevoll illustrierte Büchlein verleiht uns allen, die bereits Ähnliches erlebt haben, eine kristallklare Sprache. Wir finden in ihm einen neuen Zugang zu einem sehr persönlichen Thema, das nie an Aktualität verlieren wird. „Mama – eine große Liebe“ gehört in jeden Bücherschrank, und zwar nicht nur derjenigen von uns, die einen geliebten Menschen verloren haben. Denn Annelie ermutigt uns auch, Liebe in der Gegenwart aktiv zu leben, täglich mehr von uns zu geben, und nicht zu viel auf Morgen zu verschieben, denn wir können niemals wissen, ob es dieses Morgen gibt.

Sophia E